21 Denn Leben, das ist fᅵr mich Christus; darum bringt Sterben
fᅵr mich nur Gewinn. 22 Aber wenn ich am Leben bleibe, kann ich
noch weiter fᅵr Christus wirken. Deshalb weiᅵ ich nicht, was ich
wᅵhlen soll.
23 Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich mᅵchte
am liebsten aus diesem Leben scheiden und bei Christus sein; das
wᅵre bei weitem das beste. 24 Aber es ist wichtiger, dass ich noch
hier ausharre, weil ihr mich braucht.
25 Darauf baue ich und
bin deshalb ganz sicher, dass ich euch allen erhalten bleibe. Dann
kann ich euch helfen, dass ihr weiterkommt und die volle Freude
erlebt, die der Glaube schenkt. 26 Und ihr werdet euch noch viel
zuversichtlicher dessen rᅵhmen kᅵnnen, was Jesus Christus durch
mich an euch getan hat, wenn ich wieder bei euch bin und unter euch
wirken kann.
ᅵIch habe schon so oft gebetet, dass der liebe Gott mich von hier wegnimmt. Mit fᅵllt das Leben so schwer. Aber er will mich wohl noch hier haben.ᅵ Worte, die ich nicht nur einmal von einem ᅵlteren Menschen gehᅵrt habe, und Sie vielleicht auch. ᅵEr will mich wohl noch hier haben.ᅵ Ganz ᅵhnlich schreibt es der Apostel Paulus: ich weiᅵ, ᅵdass ich euch allen erhalten bleibe. Dann kann ich euch helfen, dass ihr weiterkommt und die volle Freude erlebt, die der Glaube schenkt.ᅵ Obwohl, eigentlich wᅵrde er sich eher wᅵnschen, diese Welt zu verlassen und bei Christus zu sein: ᅵIch mᅵchte am liebsten aus diesem Leben scheiden und bei Christus sein; das wᅵre bei weitem das besteᅵ. Da merkt man, was vielleicht doch ein Unterschied ist: bei Paulus ist es nicht Mᅵdigkeit und der Wunsch, die Last dieses Lebens loszuwerden, viel stᅵrker bewegt ihn die Freude auf die Zukunft bei Jesus.
Als Paulus das schrieb, saᅵ er im Gefᅵngnis, und es war nicht entschieden, ob er da lebend rauskommen wᅵrde. Wenn man ganz deutlich mit dem mᅵglichen Tod konfrontiert wird, in so einer Lage denkt man grᅵndlich nach ᅵber die eigenen Motive, darᅵber, was man wirklich will. Das ist ja nicht immer sonnenklar, aber in manchen Zeiten wird einem ganz deutlich, was einem wirklich wichtig ist. Dann sagen Menschen: jetzt habe ich gemerkt, woran mir wirklich liegt im Leben. Wieviel mir bestimmte Menschen wert sind, wieviel mir an der Schᅵnheit liegt, an der Natur, an einem Leben, das wirklich erfᅵllt ist und nicht nur so runtergelebt wird.
Fᅵr Paulus stellt sich die Alternative so dar:
- Entweder ich werde dieses Gefᅵngnis nicht ᅵberleben. Dann passiert
mir das beste, was ich mir vorstellen kann: ich werde endlich ganz
und voll bei Jesus sein.
Wir mᅵssen uns einen Augenblick klar machen, was das bedeutet: Paulus liebt Jesus. Er ist vᅵllig ᅵberzeugt von diesem Menschen. Die ganze Art von Jesus ist ihm in Fleisch und Blut ᅵbergegangen. Und ab und zu hat er davon geschrieben, dass das trotz allem hier auf der Erde immer nur vorlᅵufig und nicht klar genug ist. Und dass einmal der Tag kommen wird, wo er ihm endlich begegnen wird von Angesicht zu Angesicht. Und dass das noch etwas ganz anderes sein wird als in diesem mᅵhsamen Leben, das immer wieder so hart ist, das immer wieder so eine Last ist, wo so vieles nicht stimmt, wo es so viele schmerzliche Abschiede gibt, wo wir vor so vielen Dingen Angst haben und auch Jesus Christus nur bruchstᅵckhaft und undeutlich verstehen. Gerade weil Pauls Jesus so gut kennt wie kaum ein anderer, deshalb merkt er auch so schmerzlich, wie dieses ganze Leben von vielen anderen Dingen geprᅵgt wird und es immer nur hier und da solche Highlights gibt, Momente, wo der Blick auf Gott frei wird und wir eine Ahnung davon bekommen, wie er wohl wirklich ist.
Und deshalb sagt Paulus: der Tod wᅵre nicht schlimm fᅵr mich. Was dann auf mich wartet, das ist viel besser als alles, was ich bisher erlebt habe. Verstehen Sie, es geht nicht um den Tod als Erlᅵsung von einem schlimmen Leiden. Sondern der Tod ist ein Durchgang zur endgᅵltigen Gemeinschaft mit Jesus, und Paulus wartet darauf lange.
Er denkt nicht nach dem Muster: besser gar nicht leben als sich so quᅵlen mᅵssen. Sondern er sieht einfach, was dahinter liegt. Der Tod selbst ist nichts Positives, aber Paulus weiᅵ, dass der fᅵr ihn ein Durchgang ist zu der neuen Welt, die ganz und gar von Jesus gestaltet ist, und wo wir Jesus endlich in Fᅵlle und Klarheit begegnen werden.
Dietrich Bonhoeffer hat daran gedacht, als er in einem Gedicht ᅵber den Tod schrieb: ᅵKomm nun, hᅵchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheitᅵ. Damals hatte er wirklich nur noch ein Dreivierteljahr zu leben, dann haben ihn die Nazis umgebracht. Und er da in der Sicherheit hineingegangen, dass jetzt fᅵr ihn das eigentliche Leben beginnt. - Aber Paulus ahnt: so weit ist fᅵr ihn noch gar nicht, und deshalb
beschᅵftigt er sich mit der anderen Mᅵglichkeit: weiterleben. Weiter
in dieser Welt seinen Weg mit Jesus Christus gehen. Weiter Menschen
an Jesus erinnern, ihnen helfen, ihn in ihr Leben aufzunehmen und
sich von ihm leiten zu lassen.
Das bedeutet, sich weiter einzulassen auf diesen mᅵhsamen und oft schmerzlichen Weg durch die Welt. Es bedeutet, die Tatsache anzuerkennen, dass wir hier auf Erden immer wieder mit Leid, Trᅵnen und Blut konfrontiert sein werden. Wir wᅵrden uns zwar alle gern einen sicheren Ort schaffen, wo die Nᅵte der Welt nicht einbrechen kᅵnnen. Eine Oase mit einer hohen Mauer drumherum, wo die ganzen Probleme drauᅵen bleiben, wo wir drinnen keine Angst haben mᅵssen, wo die tᅵgliche Versorgung gesichert ist und geschossen wird nur drauᅵen ᅵ wᅵrden wir uns das nicht alle wᅵnschen?
Aber wir wissen im Grunde alle, dass das nicht geht. Da kommen Flᅵchtlinge aus weniger glᅵcklichen Lᅵndern, Arbeitslosigkeit macht sich auch bei uns breit, noch nicht mal die Rente scheint mehr sicher zu sein, und wenn uns dann auch noch persᅵnliche Schlᅵge treffen, dann wird uns endgᅵltig klar, dass es so einen sicheren Ort nicht gibt, den man abschotten kᅵnnte vom Unglᅵck ringsum.
So ist die Realitᅵt: wir leben in einer wunderbaren Welt, aber auch in einer Welt des Leidens, ᅵber die Gott bittere Trᅵnen vergieᅵt. Jesus ist gekommen und hat sich dieser Realitᅵt gestellt, um sie zu heilen. Als Einziger hᅵtte Jesus tatsᅵchlich so einen sicheren Ort gehabt, an dem ihn das Leid nicht berᅵhrt hᅵtte. Er hᅵtte im Himmel bleiben kᅵnnen. Aber er wollte die Welt nicht sich selbst ᅵberlassen. Und er sucht nach Menschen, die sein Engagement fᅵr die Welt teilen, die mit ihm hier das Licht Gottes ins Dunkel bringen. Und da sagt Paulus: wenn du mich dafᅵr jetzt noch auf der Erde brauchst ᅵ ich bin bereit dazu.
Deswegen haben wir mit Blick auf Jesus immer zwei gute Mᅵglichkeiten vor uns: zu bleiben oder zu gehen. Und das Beste ist, dass wir uns nicht dazwischen entscheiden mᅵssen, sondern wir werden sie beide erleben, und selbst die Qual der Wahl ist uns abgenommen. Gott hat fᅵr den Himmel gesorgt, damit wir frei sind, hier auf der Erde an seinem Werk teilzunehmen. Wir sollen uns der Mᅵhsal und dem Leid der Welt stellen, es mitleiden und dann lernen, in der Kraft Gottes durch das Leid hindurchzugehen. Menschen sollen mit Gott Frieden schlieᅵen, wenn sie sehen, dass er die Kraft gibt, die auch dem Dunklen und Traurigen widerstehen kann.
Als Jesus kam, da hat er eine Kraft in die Welt gebracht, die nicht vor den Dunkelheiten und Schmerzen der Welt kapituliert: die Kraft des Heiligen Geistes. Obwohl wir uns keinen sicheren Ort in der Welt schaffen kᅵnnen, obwohl die Zerstᅵrung immer wieder einbricht, und das auch durch uns, trotzdem ᅵberwindet diese Kraft immer wieder und gibt uns eine Ahnung von der wirklichen Kraft Gottes. Es ist die Kraft, die auch Jesus von den Toten auferweckt hat, und sie wirkt im Leben eines Menschen, der Jesus anruft und um seine Kraft bittet. Sie wirkt auch unter Trᅵnen und Schmerzen, sie wirkt auch, wenn einer glaubt, dass er es nicht mehr aushᅵlt, sie wirkt mitten in groᅵen und kleinen Katastrophen. Und sie lᅵsst Menschen mitten in harten Zeit mit Freude im Herzen leben.
Es gibt keinen sicheren Ort in der Welt, aber diese Kraft Jesu in der Welt, das ist der sichere Ort, auch dann, wenn man wie Paulus dem Tod ins Auge sehen muss. Da gehᅵren die Sicherheit durch die Kraft Gottes und das Erleiden der Welt zusammen, so verrᅵckt das klingt. Die Hilfe ist gerade dort zu finden, wo die Gefahr am grᅵᅵten scheint. Und manchmal ist es mit uns so, dass wir diese Kraft Gottes erst dann entdecken, wenn uns alles andere aus der Hand geschlagen wird, wenn wir mit dem Rᅵcken zur Wand stehen und gar keine andere Wahl haben als Gott und seinen Mᅵglichkeiten zu vertrauen. Vorher scheint uns das so unwahrscheinlich, so quer zu allen unseren anderen Erfahrungen. Aber wenn es so weit ist, dann sind wir manchmal sehr nah dran an der Entdeckung der Mᅵglichkeiten Gottes.
Natᅵrlich ist das keine Automatik, und es laufen genᅵgend Menschen herum, die schlimme Dinge erlebt haben, ohne dass sie dadurch weitergekommen wᅵren. Was schlimme Zeiten mit uns machen, das hᅵngt aber ganz stark damit zusammen, wie wir da hineingegangen sind. Es ist schwerer, wenn wir da hineingehen, ohne uns darauf vorbereitet zu haben. Es ist viel besser, wenn wir an der Hand Jesu auf Tiefen in unserem Leben zugehen. Denn wenn wir schon mit ihm vertraut sind, und wenn wir mit Menschen verbunden sind, die uns an ihn erinnern, dann werden wir ihn im entscheidenden Moment viel leichter wiedererkennen: auch wenn wir krank sind, auch wenn wir allein sind, oder sogar wie Paulus im Gefᅵngnis. Wir haben dann das Zutrauen, dass wir Jesus da finden werden, weil er auch vorher schon in vielen Situationen vertrauenswᅵrdig war. Und wir haben Menschen, die uns daran erinnern.
Die Kraft Gottes kann auch dann da sein, wenn Sicherheiten zerbrechen und Selbstverstᅵndlichkeiten vergehen. Und man kann unter Druck sein und trotzdem ganz stark merken, wie Jesus da ist. Das ist nicht unbedingt eine verstandesmᅵᅵige Erfahrung, sondern wir erleben es als ganze Menschen mit Mut und Zuversicht und getrᅵstetem Herzen, obwohl wir eigentlich eher niedergeschlagen und bedrᅵckt sein mᅵssten.
Paulus war die Erfahrung dieser Begegnung so wichtig, dass er sagte: das ist das, was ich wirklich mᅵchte. Christus ist mein Leben. Von ihm soll mein ganzes Leben gestaltet sein. Und zum Leben gehᅵrt auch das Ende des Lebens. Vielleicht werde ich mit Bangen auf meinen Tod zugehen, aber ich weiᅵ, dass Jesus kommen wird und meine Hand halten wird und mich hindurchbegleiten wird. Auch dort wird mich die Kraft Gottes nicht im Stich lassen. Und danach fᅵngt es erst richtig an.