4 Sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. 6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. 7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.
Hier, in den inspirierten Worten des Propheten Jeremia, lernen wir Gott von einer Seite kennen, die wir wahrscheinlich noch nicht oft an ihm wahrgenommen haben: Gott ist bekümmert über sein Volk. Gott fragt: wie können sie nur so gegen ihre eigenen Interessen handeln? Wie können sie nur immer tiefer in die Sackgasse hinein laufen?
Wir denken ja immer, wir müssten wegen Gott unsere eigenen Interessen aufgeben und etwas tun, was uns eigentlich nur Probleme bringt. Das ist aber nicht biblisch, sondern eher ein Erbe des Philosophen Kant, der so ungefähr behauptet hat: nur wenn es einem unangenehm ist oder man sich Nachteile einhandelt, dann ist es eine richtig gute Tat. Gott sieht das anders: es ist in unserem Interesse, wenn wir uns gut und gerecht verhalten. Wir selbst haben das meiste davon, wenn wir uns im Einklang mit der Logik bewegen, die Gott in die Welt hineingelegt hat.
Gott nimmt als Beispiel die Tiere. Etwa die Zugvögel. Kein Storch käme auf die Idee, im Sommer nach Afrika zu fliegen und den Winter hier bei uns zu verbringen. Nein, wenn der Sommer zu Ende geht und es langsam kälter wird, dann starten die Störche in Richtung Süden. Die Tiere haben Instinkte, die sorgen für das Überleben. Tiere sind angepasst an die Welt und ihre Regeln, und deswegen überleben sie.
Der Mensch hat diese tierischen Instinkte nicht mehr, aber dafür kann er sehr flexibel seinen Umwelt wahrnehmen, darüber nachdenken, Schlüsse ziehen und sein Verhalten darauf einstellen. Und das müsste ihm eigentlich helfen, sein Leben noch sehr viel besser zu führen. Funktioniert ja auch oft, aber genauso passiert es auch, dass Menschen mit ihrer flexiblen Intelligenz haarscharf neben der Logik unserer Welt liegen, dass sie sich Regeln machen, die sich beißen mit den Regeln, die Gott in diese Welt hineingelegt hat. Und dann geht viel mehr kaputt, als wenn ein Storch sich in der falschen Zeit nach Afrika verirrt.
Heute ist ja Volkstrauertag, und wenn es gut geht, dann macht man sich an dem Tag klar, dass Krieg zu diesen Dingen gehört, die nicht mit der Logik zusammenpassen, nach der Gott die Welt eingerichtet hat. Aber wenn man sich erinnert, wie die Soldaten in einer Woge nationalen Jubels in den ersten Weltkrieg gezogen sind, dann merkt man auch, wie schnell Menschen gegen ihre Interessen handeln. Dieselben Männer, die jubelnd und blumengeschmückt an die Front fuhren, die lagen nur Wochen später im Dreck der Schützengräben, durchnässt, frierend, hungernd, und am Ende elend krepierend. Ohne dass es irgendeinen Erfolg oder Sinn gehabt hätte. Aber daran hat kaum einer gedacht, als sie mit Hurra losgefahren sind. Im Zweiten Weltkrieg war die Begeisterung nicht mehr ganz so groß, aber trotzdem hat man da eben seine Pflicht gegen Führer und Vaterland erfüllt, und am Ende waren wieder Millionen Menschen tot und ganze Länder verwüstet.
Sie sind wie ein Schlachtross, das nur noch losstürmt, ohne zu überlegen, wohin, sagt Gott.
Es ist diese Fähigkeit des Menschen, seine eigenen Interessen zu ignorieren, gegen die eigenen Interessen zu handeln, die Gott Sorge macht. In der Zeit von Jeremia war es eine selbstmörderische Politik, die darauf hinauslief, dass Israel schließlich von den Babyloniern als Staat ausgelöscht wurde. Außenpolitischer Irrsinn und Ellbogenpolitik im Innern gehen ja oft zusammen. Wenn die Reichen immer reicher werden und die normalen Leute immer mehr Mühe haben, über die Runden zu kommen, dann glaubt man irgendwann auch, dass man außenpolitisch alle Warnlampen ignorieren kann. Es ist diese Unfähigkeit, die Warnzeichen wahrzunehmen und dann entsprechend umzusteuern, die Gott beinahe sprachlos macht. Denn die Welt ist nicht willkürlich, es gibt Regeln, nach denen sie funktioniert, es gibt eigentlich immer rechtzeitig Warnsignale, wenn etwas falsch läuft. Aber die menschliche Fähigkeit, die Warnsignale zu ignorieren, die ist riesengroß.
Als 1989 das Atomkraftwerk in Tschernobyl explodierte, gab es da vorher keine Warnungen? Klar gab es jede Menge Warnsignale, aber die Bediener haben sie einfach ausgeschaltet. Heute würde man sagen: weggeklickt. Hat es Warnsignale gegeben, dass wir dabei sind, die Erde unbewohnbar zu machen? Ja, seit Jahrzehnten gibt es diese Hinweise. Aber kaum einer hat sie ernst genommen. Die menschliche Fähigkeit, alle Warnsignale einfach wegzuklicken, ist für die allermeisten Katastrophen verantwortlich, im Kleinen wie im Großen.
Denn natürlich sind es nicht nur die Völker im Großen, die so ins Verderben laufen. Genauso sind es einzelne Menschen, die alle Warnungen ignorieren und sich konsequent kaputt machen. Mit Sucht, mit Schulden, mit destruktiven Verhaltensweisen, durch Orientierung an kurzfristigen Zielen. Und so etwas geht immer nur eine Zeit lang gut. Man kann die Logik des Lebens vielleicht mal für einen Augenblick überlisten, aber auf die Dauer schafft das keiner.
»Mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen« klagt Gott hier durch Jeremia. Diese Welt ist nicht willkürlich, sondern Gott hat Regeln hineingelegt, und wenn man sie dauerhaft übertritt, dann muss irgendwer einen Preis dafür bezahlen. Es sind nicht so simple Regeln wie »Fünf todsichere Tipps um reich und berühmt zu werden«, sondern es ist eine Grundstruktur, die sich überall zeigt. Dass es richtig ist, Hungernde zu ernähren, Fremde aufzunehmen und Gefangene zu besuchen, wie es vorhin im Evangelium (Matthäus 25,31-46) so breit geschildert wurde. Dass wir gut daran tun, nicht unseren kurzfristigen Vorteil auf Kosten anderer zu suchen. Dass Liebe Leben fördert und Feindschaft allen schadet. Dass alles Geschaffene einen inneren Wert hat, und dass wir uns selbst schaden, wenn wir jemand anderen oder auch Dinge nur als Mittel zum Zweck benutzen. Jeremia nennt das alles »Das Recht des Herrn«, es ist die Gesamtheit der Regeln, die Gott in die Welt hineingelegt hat, und da gehören die Naturgesetze ebenso dazu wie die Regeln für gerechtes Verhalten unter Menschen. Ein umfassendes, sehr differenziertes Regelwerk, das aber letztlich einfach Gott widerspiegelt, seine Liebe, Treue und Fürsorge.
Es ist einerseits sehr komplex, für uns nicht wirklich überschaubar, aber im Einzelfall können wir eigentlich fast immer recht genau wissen, was richtig und was falsch ist. Und wenn wir uns im Einzelfall mal irren, das ist nicht so schlimm. Die Welt verkraftet auch mal einen Irrtum, wie ein gutes Ökosystem auch mal Dreck schluckt. Viel größer ist das Problem, dass wir diese Regeln nicht kennen wollen. Die Betonung liegt auf dem Wollen. Wer wirklich wissen will, wie die Welt funktioniert, der wird es irgend woher erfahren. Um zu wissen, dass es auf die Dauer nicht gut gehen kann, wenn immer mehr Menschen die Erde plündern und ihren Dreck in die Gegend pusten, dafür braucht man keine aufwändigen wissenschaftlichen Studien. Aber wenn man das nicht zur Kenntnis nehmen will, dann wird man sich auch von der Wissenschaft nicht überzeugen lassen.
Eigentlich wäre Umkehr eine ganz normale Sache: man sieht ein Warnlämpchen blinken und sagt: aha, da stimmt was nicht, ich muss den Kurs ändern. Man merkt, dass man sich verlaufen hat und geht zurück. Man stolpert und steht wieder auf. Alles kein Problem - so ist das Leben. Aber genau dieser Prozess der Umkehr ist gestört, und das öffnet den Mächten der Zerstörung Tür und Tor. Und Gott sagt: warum? Warum schadet ihr euch selbst? Warum wollt ihr sterben? Was hat euch im Griff, dass ihr euch selbst zerstört? Wäre Leben denn nicht eine prima Alternative? Es ist nicht zu spät, worauf wartet ihr, kehrt um, ich komme euch entgegen!
Hinter diesem traurigen Kopfschütteln Gottes spürt man seine Sehnsucht nach den Menschen, deren Liebe zum Leben so groß ist, dass sie der guten Grundordnung der Welt vertrauen und sich an ihr orientieren. Am Ende ist Gott in Jesus selbst Mensch geworden, damit es so einen Menschen gibt. Jesus hat immer aus dieser Grundordnung der Liebe heraus gelebt, die das Fundament der Welt ist. Jesus ist der endgültige Versuch Gottes, uns diese Logik des Lebens in der Praxis zu zeigen. Gott wollte, dass wir sehen können, wie so ein Leben wirklich aussieht. Das stärkste Argument ist immer, wenn man sieht, dass eine Sache funktioniert.
Deshalb ist es so wichtig, dass auch die Gemeinde Jesu ganz praktisch anders funktioniert, dass wir ein Gespür für die Ordnung Gottes für die Welt bekommen und danach leben wollen. Es ist ganz nett, die Ordnungen Gottes zu kennen, aber es kommt darauf an, dass sie gelebt werden. Menschen müssen an einem Punkt erleben können: so geht es! Die Reichweite ist noch begrenzt, das ist klar, aber hier kann man etwas davon sehen, wie die ganze Welt gemeint ist und wie sie wäre, wenn die Menschen sich der Logik Gottes anvertrauen würden.
Das Leben Jesu soll sich fortsetzen im Leben vieler Menschen. Menschen müssen sehen, wie es geht, wenn man anders lebt, im Großen wie im Kleinen. Es ist so hirnrissig, dass man das früher immer gegeneinander ausgespielt hat: die einen, die sich den großen, abstrakten Menschheitsfragen gewidmet haben, und die anderen, die im täglichen Leben versucht haben, ehrlich und rein und freundlich zu sein. Da kann man sich lange streiten, was wichtiger ist und was zuerst kommen muss. Beides muss sein. Für alles muss es erlebbare Modelle geben, damit man sehen kann: Gottes Ordnung der Güte funktioniert, wenn man danach lebt.
So viele Menschen können sich gar nicht vorstellen, wie das denn aussehen könnte, wenn ein Leben entsprechend dieser Grundordnung der Güte und Freude funktioniert. Sie haben nie erlebt, wie das ist. Deswegen ist es so wichtig, dass die Gemeinde Jesu nicht irgendetwas ausstrahlt, sondern das gelebte Evangelium. Damit Menschen eine Ahnung davon bekommen, dass es noch ein ganz anderes Leben gibt, und dass man es tatsächlich leben kann. Die Gemeinschaften des neuen Lebens in den Spuren Jesu sind die große Suchbewegung Gottes. Er möchte allen Menschen zeigen, wie ein Leben mit ihm aussieht, damit sie diesem Leben vertrauen. Schon bei Jesus war das verknüpft: auch Jesus sagte »kehrt um« - und dann fügte er hinzu, wieso das geht: weil das Reich Gottes nahe herbei gekommen ist, und damit meinte er seine Art zu leben.
Wir haben mehr als damals Jeremia. Nicht umzukehren ist schon widersinnig angesichts der Grundordnung der Welt, die man mit Beobachtung und Nachdenklichkeit spüren kann. Aber das praktizierte neue Leben, das hier und da unter Menschen begonnen hat, ist eine Einladung, die noch viel stärker ist, wenn wir ihr erst einmal wirklich begegnet sind.